Systemdenken gehört die Zukunft
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Die Systeme, mit denen wir zu tun haben, werden immer komplexer. Das gilt nicht nur für Unternehmen. Das gilt umso mehr für die Gesellschaften, Wirtschaftsräume und Staaten. Leider ist Systemdenken in der Politik noch seltener anzutreffen als in Unternehmen.

Denken in Systemen und Politik

Systeme verändert man durch Gestaltung, durch Systemdesign. Im ersten Schritt muss man das System verstehen: also seine Elemente, ihre Wechselwirkungen und die Wechselwirkungen mit seiner Umgebung, seinen Output, seine Randbedingungen, Regeln, Begrenzungen, seine interne Dynamik und seine wahrscheinliche Weiterentwicklung. Zu dieser Analyse gehört auch das Verständnis der Dynamik im Umfeld des betrachteten Systems. Dann entwickelt man ein Systemdesign, das das gewünschte Verhalten des Systems bewirken soll. Im dritten Schritt setzt man das Systemdesign um. Dabei beobachtet man das Verhalten des veränderten Systems und – in einem iterativen Prozess – korrigiert es, bis das System nachhaltig das gewünschte Verhalten zeigt, also den angestrebten Output liefert.

Für diese gestalterische Tätigkeit braucht man außer Wissen und Erfahrung eine bestimmte Art des Denkens: Systemdenken eben. Denken in Systemen ist uns nämlich nicht angeboren. Unser Denken ist aus der Reflexion darüber entstanden, was uns unsere Sinne liefern. Es ist deswegen unmittelbar, linear und vierdimensional. Bei Gestaltung von komplexen sozialen Systemen führt es uns zwangsläufig in die Irre, weil ihr Verhalten nicht linear und nicht kausal und der Output oft kontraintuitiv ist. Auch die Intuition ist ein Ergebnis von Jahrtausenden linearen Denkens.

Die durch das lineare Denken verursachten Systemdesignfehler waren schon immer schmerzvoll und teuer. Der Schmerz und die Kosten werden heute nur größer als früher, weil unsere sozialen Systeme immer größer, unübersichtlicher und die Geschwindigkeit der Änderungen, denen sie ausgesetzt sind, immer höher werden.

Wir brauchen eine Gestaltungspartei

Wir brauchen Politiker, die komplexe soziale Systeme verstehen und Erfahrung in ihrer Gestaltung haben. Wir brauchen eine Partei der Systemdesigner, sozusagen. Nennen wir sie: Gestaltungspartei. Als Gesellschaft schaffen wir nämlich immer komplexere soziale Systeme, mit ihrer Steuerung beauftragen wir jedoch Systemdilettanten. Wir brauchen Fachleute!

Wenn man beispielsweise ein Finanzsystem zulässt, das zwei völlig verschiedene Funktionen – Finanzspekulation und Finanzdienstleistung – vermischt, dann muss man später Glücksspielern Steuergeld nachwerfen, wenn man die Kreditvergabe nicht unterbrechen will.

Wenn man eine Währungsunion entwirft, in der wichtige Regeln fehlen oder es keine Sanktionen für diejenigen Staaten gibt, die sich nicht an die vorhandenen Regeln halten, sind dort destruktive Entwicklungen nur eine Frage der Zeit.

Zwischen Piratenpartei und Systemdesign

Ein „Systemfachmann“ wird, bevor er eine Kopfpauschale einführt, fragen, in welche Richtung sich das Gesundheitssystem mit einer solchen Regel langfristig entwickeln wird. Eine „Systemfachfrau“ wird nach einer kurzen Analyse vorhersagen können, dass man keine besser gebildeten jungen Menschen als Output bekommt, wenn man, anstatt in die Schulen zu investieren, das Kindergeld erhöht.

Die Liste solcher Beispiele könnte ganze Bücher füllen. Sie sind für jemanden, der in Systemen denkt, offenkundig. Der linear Denkende sieht die Ergebnisse erst, wenn sie da sind. So können wir unsere Gesellschaften, Staaten, Wirtschaftssysteme nicht weiter steuern!

Wir alle haben das Gefühl, dass die Dinge aus dem Ruder laufen, dass sie unbeherrschbar werden. Es wird langsam für alle ersichtlich, dass die Regierungen keine Kontrolle über die komplexen sozialen Systeme, die sie gestalten sollen, haben. Sie verstehen sie nicht mal. Weil es keine wirkliche Alternative gibt, hören viele Wähler auf zu wählen. Einige engagieren sich für überschaubare Einzelthemen, wo sie glauben, etwas verändern zu können, ohne die übergeordneten Systeme neu gestalten zu müssen. Einige werden empfänglich für simple Patentrezepte, die es natürlich nicht gibt.

Vielleicht brauchen wir auch zuerst Piraten, die die Flotte überfallen und die linear denkenden Kapitäne von ihren Brücken vertreiben. Was wir aber wirklich brauchen, sind Systemdenker. Dem Systemdenken und Systemdesign gehört eindeutig die Zukunft!

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2 Comments to “Systemdenken gehört die Zukunft”

  1. Carsten Stramann sagt:

    Liefert die Spieltheorie keine gute Grundlage für die Gestaltung von solchen Systemen?

    • Andreas Sternowski sagt:

      Hallo Herr Stramann,
      guter Punkt.

      Ja, es gibt Überschneidungen zwischen dem Systemdesign und der Spieltheorie und der Systemdesigner tut gut daran, die Spieltheorie bei seiner Arbeit zu berücksichtigen.

      Ein wichtiger Unterschied liegt in der Grundannahme. Die Spieltheorie geht von einem geschlossenen und gleichbleibenden System aus. Die Regeln innerhalb des Systems sind statisch und führen zu einem statischen Gleichgewicht. Das Systemdesign, so wie ich es praktiziere, geht von einer Dynamik im Umfeld des zu designten Systems und im System selbst aus. Das Gleichgewicht, das das Systemdesign schafft, ist ein dynamisches.

      Zum anderen besteht die Aufgabe eines Systemgestalters darin, Veränderungen des Systems herbeizuführen. Das kann man zwar mit dem Modellieren eines sozialen Spiels vergleichen, weil es dort um die Festlegung der Regeln geht, die auch beim Systemdesign eine wesentliche Rolle spielen, das spieltheoretische Modellieren bezweckt aber keine Veränderung des sozialen Systems in dem das Spiel stattfindet. Der Kontext, in dem ein Systemdesigner arbeitet, ist also schon auf der Zielebene genereller und dynamischer.

      Also ja: die Spieltheorie muss bei der Betrachtung jedes sozialen Systems berücksichtigt werden. Aber nein: für die Praktiker, die ein Unternehmen, eine Organisation, ein Wirtschaftssystem oder ein Sozialsystem gestalten müssen, ist sie kein Ersatz für das Systemdesign.

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